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Ziehl-Abegg

Schüler bauen weltweit Elektromotoren

Das Ziel ist klar: „Jedes Kind geht heute mit einem funktionierenden Elektromotor nach Hause“, sagt Sophie Grill zum Auftakt des Maus-Türöffnertages am 3. Oktober. Damit dieses anspruchsvolle Ziel am Ende auch erreicht wird, hat die 23-jährige Auszubildende des Künzelsauer Industrieunternehmens Ziehl-Abegg gemeinsam mit sechs weiteren Auszubildenden fast ein Dreivierteljahr Vorarbeit geleistet. Denn wie immer am 3. Oktober lud auch in diesem Jahr die „Sendung mit der Maus“ des Westdeutschen Rundfunks zum Türöffnertag ein. Das Konzept für den Tag ist einfach: In ganz Deutschland ermöglichen Firmen Kindern den Zugang zu Produktionsstätten und Verkaufsräumen, die Kinder erleben offene Türen, wo sie sonst vor verschlossenen Türen stehen.

 

Ziehl-Abegg ist seit 2016 regelmäßig beim Türöffnertag dabei. 2019 setzte der Spezialist für Ventilatoren und Elektromotoren aber noch einen oben drauf: Nicht nur in Deutschland, sondern rund um den Erdball, auf sechs Kontinenten, von Australien über Singapur bis nach Brasilien und die USA, sollten Kinder in Ziehl-Abegg-Standorten oder in Schulen kleine Elektromotoren bauen. Und erstmals wurde der Türöffnertag komplett von Auszubildenden geplant und verwirklicht. Sophie Grill, Auszubildende zur Industriekauffrau im zweiten Ausbildungsjahr, übernahm die Projektleitung. Sie lernte, wie sie schmunzelnd sagt, durch das Projekt nicht nur ihre Firma bis in die kleinsten Verästelungen kennen, sondern gewissermaßen die ganze Welt.

 

In Deutschland öffnete Ziehl-Abegg im Werk in Kupferzell seine Pforten. Das Werk liegt nur wenige Kilometer vom Stammsitz Künzelsau entfernt. 30 Mädchen und Jungen im Alter zwischen neun und 12 Jahren waren eingeladen. Mehr als 200 Bewerbungen gab es um die begehrten 30 Plätze. Also musste das Losglück entscheiden. Weltweit, so berichtet Sophie Grill, nahmen 80 Kinder am Maus-Türöffnertag teil. In Südafrika und in Brasilien wurde der Aktionstag in Schulen durchgeführt.

 

Als die Projektleiterin um 9.45 Uhr die Veranstaltung im Kupferzeller Werk eröffnet, sind die Elektromotorenbauer in Australien schon längst fertig. Sie hatten, nach deutscher Zeit, bereits um 1.30 Uhr begonnen. Dort, so die Botschaft aus Australien, liefen alle Motoren rund. Das sollte auch in Kupferzell klappen.

 

Es gab am 3. Oktober für die 30 Jungs und Mädchen fachkundige Unterstützung und Anleitung: „Ich bin leidenschaftlicher Bastler“, sagt Jürgen Ulm. Der hoch aufgeschossene Mann ist beim Türöffnertag mit Feuereifer dabei. Mit einem so genannten Multimeter, einem Messgerät, das ein bisschen aussieht wie ein zu dick geratenes Smartphone, geht er von Tisch zu Tisch und misst, ob die Elektromotoren, die die Kinder  zusammenbauen, Strom leiten oder einen Kurzschluss produzieren. Letzteres sollte natürlich nicht sein. Behutsam hält er zwei Kontakte an den Kupferdraht, der später das Herzstück eines jeden Elektromotors ausmacht. „Jetzt piept das Ding“, sagt er. Das heißt, es besteht Kontakt. Kein Kurzschluss also. Übrigens ist Jürgen Ulm doch ein bisschen mehr als nur ein begeisterter Bastler. Jürgen Ulm trägt einen Professorentitel und ist Doktor der Ingenieurwissenschaften. Er lehrt am Institut für Digitalisierung und elektrische Antriebe der Hochschule Heilbronn, Reinhold-Würth-Hochschule, am Campus Künzelsau. Am Türöffnertag trägt der Professor übrigens das, was auch alle Kinder und Ziehl-Abegg-Helfer  tragen: Ein blaues Maus-T-Shirt mit der Aufschrift: „Mouse around the world. Introduction to Engineering.“ Frei übersetzt: Eine weltweite Einführung ins Ingenieurswesen, ganz im Zeichen der Maus.

 

An einem der Tische sitzt der zwölfjährige Simon Geisler aus Bamberg und schleift gewissenhaft einen dünnen Kupferdraht ab. Der 18-jährige Auszubildende Lukas Hettenbach steht ihm beim Bau des Elektromotors zur Seite. „Sauber abschleifen, sonst gibt es keinen Kontakt und es funktioniert nicht richtig“, ermuntert er den 12-jährigen Simon, der an diesem Tag gewissermaßen der Azubi des Azubis ist. Lukas Hettenbach ist übrigens auch noch nicht so lange dabei. Erst Anfang September trat er seinen Ausbildungsplatz zum Elektroniker für Geräte und Systeme bei Ziehl-Abegg an. In der kurzen Zeit hat er schon viel über Elektromotoren gelernt. Deshalb verrät er seinem jungen Schützling, wo die besondere Herausforderung beim Umgang mit dem Kupferdraht besteht: Einmal im sauberen Abschleifen, zum anderen in der sauberen Wickelung des Drahtes zu einer Spule. Um es vorweg zu nehmen: Punkt 13 Uhr und damit weit vor dem Ende der Veranstaltung nimmt der kleine Elektromotor von Simon seinen Betrieb auf. Er hat Kraft genug, einen kleinen Propeller zu drehen.

 

Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ziehl-Abegg aber auch Elektromotoren bauen, die ganze Busse bewegen und tonnenschwere Aufzüge heben können, auch das sehen die Kinder beim Türöffnertag. Eine kleine Rundfahrt mit einem Elektrobus über das Werksgelände, eine Werksführung und schließlich ein Blick in den Testraum für Aufzüge gehören ebenfalls zum Programm. „Das ist die Tür, die man sonst nie aufmacht“, sagt Firmenchef Peter Fenkl, als er mit den Kindern den Testraum betritt. Hier ist das Wort Türöffnertag also ganz wörtlich zu nehmen, denn selbst Mitarbeiter von Ziehl-Abegg, so betont Peter Fenkl, dürfen diesen Raum nur mit besonderer Erlaubnis betreten.

 

Simon Geisler aus Bamberg ist übrigens ein echter Türöffner-Profi. Schon drei Mal hatte er Losglück und durfte Ziehl-Abegg besuchen, in diesem Jahr zusammen mit seinem neunjährigen Bruder Florin. Im Clavius-Gymnasium in Bamberg hat Simon in der sechsten Klasse sogar schon ein Referat über die Firma Ziehl-Abegg gehalten. Er hatte in der „Sendung mit der Maus“ einen Beitrag über Aufzugmotoren  gesehen, und, logisch, der Maus-Film war bei Ziehl-Abegg in Kupferzell gedreht worden. Unerschrocken schrieb Simon daraufhin eine E-Mail und bat um Material für ein Referat. Alles wollte er wissen, zur Firmengeschichte und worauf das Unternehmen so spezialisiert ist. Das Referat hielt Simon dann im Fach Informatik. Er bekam eine glatte Eins dafür.

 

Ein Azubi-Team, das fast ein dreiviertel Jahr Vorbereitungsarbeit auf sich nimmt, ein Tag X, an dem alles bis ins Detail klappen muss, damit 30 kleine Elektromotoren funktionieren, zwei Dutzend Helfer, ein Koch, ein Busfahrer und ein Hausmeister, die am Tag der Deutschen Einheit allesamt Sonderschichten schieben: Das ist zweifelsohne viel Aufwand. Firmenchef Peter Fenkl aber ist sich sicher, dass sich dieser Aufwand lohnt. „Dahinter steckt das Interesse, die jungen Leute an die Thematik Technik heranzuführen und den Eltern zu zeigen, dass wir mehr für die Region tun“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Ziehl-Abegg. Einen „linearen wirtschaftlichen Zusammenhang“ könne man freilich nicht herstellen, so nach dem Motto: Was bringt das eigentlich der Firma? Aber für Peter Fenkl ist das wichtigste Ergebnis dieses Tages, dass die Kinder Spaß haben. Und nicht nur die haben Spaß: „Es macht auch unseren Mitarbeitern viel Spaß“, betont Peter Fenkl.

 

Auf internationaler Ebene gab es im Vorfeld übrigens eine Bildungslücke zu schließen: Es ging um die Frage, was es denn mit dieser Maus auf sich hat. In Deutschland zweifelsohne Stars, sind die Maus und der kleine blaue Elefant in Singapur oder in den USA weitgehend unbekannt. So funktionierte das Azubi-Team um Sophie Grill ein jährliches Sales Treffen des internationalen Managements zu einer Schulung in Sachen Maus-Türöffnertag um. Es gab für die Herren des internationalen Managements eine abendliche Einweisung, bei welcher der Bausatz für den Elektromotor vorgestellt wurde, der am Türöffnertag zum Einsatz kommen sollte. Es gab auch eine achtseitige, bebilderte Aufbauanleitung, ein Schulungsvideo und Infos zur Sendung mit der Maus. Die Herren aus dem Management, so erinnert sich Sophie Grill, hatten großen Spaß, als sie selbst den Elektromotor bauen durften. „Selbst bei den Erwachsenen ist das so: Der Blick geht in die Runde – sieht auch jeder, dass der Motor läuft?“ An ihren Standorten gaben die internationalen Manager dann ihr Wissen weiter.

 

Auch in Hohenlohe, genau genommen in Kupferzell und Künzelsau, griffen die Zahnrädchen ineinander. So stellten beispielsweise die Auszubildenden der Metall-Lehrwerkstatt in Künzelsau mittels CNC-Fräser einheitliche Holzbretter samt stilisierter Maus her, die später als Bodenplatten für die Elektromotoren dienen sollten, berichtet Joachim Deißler. Der 34-Jährige ist Elektronikausbilder. Als solcher hat er nicht nur viel Erfahrung mit Auszubildenden, sondern auch mit Schülern, denn Ziehl-Abegg kooperiert eng mit der Realschule Krautheim. Er ist sich schon lange vor dem Ende des Türöffnertages sicher: „Die Elektromotoren werde alle funktionieren.“

 

Ein besonderes Augenmerk richten die Organisatoren auf den Zeitplan. Wie der gewerbliche Ausbildungsleiter Jens Münch erklärt, erfordert die Altersspanne von neun bis 12 Jahren bei den Kindern mitunter ein bisschen Improvisation. Manche Kinder seien einfach schneller beim Bauen als andere. Immer wieder schließt sich Jens Münch daher mit seinen Ausbilderkollegen und mit den Auszubildenden kurz. Mancher Programmpunkt wird vorgezogen, mancher verkürzt.

Und auch Pausen müssen sein. In der Kupferzeller Kantine gibt es am Türöffnertag Currywurst mit Pommes.

 

Die Eltern von Simon und Florin Geißler aus Bamberg sind am Ende der Veranstaltung sehr angetan. Es sei keine Massenveranstaltung, und für die 30 Kinder, die teilnehmen durften, werde etwas geboten. Vor allem dürften die Kinder selber anpacken. Besonders jedoch das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ziehl-Abegg hat den Eltern von Simon und Florin gefallen. „Man sieht, jeder ist ein Teil und sieht einen Sinn dahinter. Jeder fühlt sich verantwortlich für den Erfolg“, beschreibt Gudrun Geisler die Stimmung beim Türöffnertag. Und der Erfolg tritt dann auch ein: Pünktlich um 14.20 Uhr, zehn Minuten vor dem offiziellen Ende der Veranstaltung, verkündet Professor Dr. Jürgen Ulm, der Mann mit dem dicken Multimeter-Messgerät: „Alle Motoren laufen.“

 

Am Ende gibt es nach dem Abschiedsfoto für jedes Kind noch eine Urkunde über die Teilnahme. Verfasst ist sie in englischer Sprache, denn schließlich war das der erste internationale Maus-Türöffnertag.

 

Autor: Henry Doll

 

Fotograf: Ufuk Arslan

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