Mehr Studenten als Azubis. Die praktische Ausbildung geriet ins Hintertreffen.
Im Studienjahr 2024 - welches das Sommersemester 2024 als auch das Wintersemester 2024/25 umfasst - haben sich nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 487.800 Studenten erstmals an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Das entspricht einem Anstieg von 1,3 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Demgegenüber sieht es im Handwerk vergleichsweise bescheiden aus. Hier wurden im Jahr 2024 nach Angaben des Bundesinstituts für Berufliche Bildung (BIBB) 135.105 Neuverträge abgeschlossen, was einem leichten Zuwachs von 0,2 % gegenüber dem Vorjahr 2023 entspricht. Es gibt demnach etwa 3,5-mal so viel Erstsemester als Ausbildungseinsteiger im deutschen Handwerk.
Darüber hinaus bleibt auch die Herausforderung zur Besetzung der offener Ausbildungsplätze gleichbleibend prekär: 19.075 Ausbildungsstellen konnten 2024 im Handwerk nicht besetzt werden, etwas weniger als im Jahr 2023 in dem 20.459 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben sind. Hier gibt es also eine leichte Verbesserung der Lage. Gleiches gilt für den Anteil von Frauen in handwerklichen Ausbildungsberufen. Mit 25.951 Neuverträgen zeigt sich ein leicht positiver Trend, der einer Steigerung von 0,7 % entspricht. Damit liegt der Frauenanteil im gesamten Handwerk aktuell bei etwa 19,2 % - der weiblichen Anteil der Auszubildenden im Kälteanlagenbau-Handwerk schwächelt demnach enorm. Er beträgt laut der aktuellen Statistik des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH e. V.) knapp mal 2,5 % (113 von 4561 Mechatronikern für Kältetechnik).
Datenlage macht Bildungsirrtum deutlich
Nach Angaben des ZDH befanden sich im Jahr 2024 etwa 342.092 junge Menschen in einer handwerklichen Ausbildung. Das entspricht ca. 28 % aller Auszubildenden in Deutschland. Im Vergleich dazu erreicht die Zahl aller Studenten im Wintersemester 2024/25 mit insgesamt etwa 2.871.600 einen neuen Höchststand. In Deutschland studiert damit in etwa jeder 30ste Bundesbürger und es gibt ungefähr achtmal so viel Hochschulbesucher als Azubis im Handwerk.
Um es auf den Punkt zu bringen: Der Autor dieser Zeilen hat weder etwas gegen höhere Bildungseinrichtungen noch gegen Studenten.
Dennoch sind angesichts dieser Datenlage berechtigte Zweifel an der bildungspolitischen Ausrichtung sowie am gesellschaftlichen Bildungsbewusstsein angebracht. Ohne Abitur werden es die Kids - nach Ansicht vieler Eltern - auf dem Arbeitsmarkt und damit im Leben kaum zu etwas bringen. Privater und beruflicher Erfolg wird demnach erst mit einer Hochschulreife sowie dem anschließenden Studium möglich. Die Auswirklungen dieses Irrtums zeigen sich nicht nur in den o. g. Daten, sondern auch in der Bildungspolitik, die eindeutige Schwächen in der Unterstützung des dualen Ausbildungsmodells und die Tendenz zugunsten einer breit angelegten Hochschulförderung aufzeigt. Die gesamten öffentlichen Bildungsausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden beliefen sich im Jahr 2024 auf geplante Mittel in Höhe von 191,6 Milliarden Euro (Soll-Wert, da die letztjährigen Zahlen erst nach Abschluss des Haushaltsjahres vorliegen). Das entspricht einer Steigerung um 3,8 % gegenüber dem Vorjahr 2023 (184,6 Milliarden Euro; Quelle: www.destatis.de).
In diesem Kontext wirken die 70 Millionen Euro, die als Bundeszuschuss für die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) im letzten Jahr bewilligt wurden, geradezu lächerlich. Angeschlossen an die Forderung zur grundsätzlichen Verstetigung dieser Fördermaßnahme setzt sich der ZDH für eine deutliche Erhöhung dieser Mittel ein. (Aktuell stehen 70 Mio. Euro für 2025 im vorläufigen Haushaltsplan). Die Begründung ist ebenso schlüssig wir dringlich: In Deutschland müssen die Berufsschulen hinsichtlich ihrer Infrastruktur und Ausstattung sehr zeitnah zukunftsfest gemacht werden, um den technischen Standard in den überbetrieblichen Ausbildungsstätten zu sichern.
Wir müssen die berufliche Bildung stärker als in den vergangenen Jahrzehnten fördern und sie als gleichwertig zur akademischen anerkennen
Ungleichbehandlung abschaffen
Unabhängig vom angestrebten Schulabschluss müssen junge Menschen gleichwertig über akademische und berufliche Bildung informiert werden, damit die Berufsorientierung den Interessen und Talenten wirklich gerecht wird. Nur wenn für Jugendliche greifbar wird, dass sie ihre Karriere auf dem beruflichen Bildungspfad genauso selbstbestimmt, frei und individuell gestalten können wie mit einem Studium, werden sie sich auch für eine handwerkliche Ausbildung entscheiden. Diese Gleichwertigkeit muss für junge Menschen aber auch nach der Entscheidung für eine Ausbildung spürbar bleiben: Genauso wie Studenten brauchen auch Auszubildende bezahlbare Wohnraumangebote. Wichtige Programme wie „Junges Wohnen“ müssen daher die Ausbildungsförderung noch deutlich besser einschließen. Vor allem Länder und Kommunen sind gefordert, Auszubildende stärker in den Blick zu nehmen und zusätzliche Angebote für das Azubi-Wohnen zu schaffen. Darüber hinaus muss es auch eine Gleichbehandlung in ÖPNV geben. Während Studenten häufig ein verbilligtes Semesterticket nutzen können (beispielsweise in Freiburg 96 € für 6 Monate), müssen Auszubildende ihre Reisen zur Berufsschule oder der Überbetrieblichen Ausbildungsstätte komplett ohne Vergünstigung selbst finanzieren.
Handwerk muss umdenken
Vielleicht müssen sich auch die Verantwortlichen in den Handwerksverbänden und Innungen verstärkt fragen, ob sie jungen Menschen ausreichend attraktive Bildungswege im handwerklichen Bereich aufzeigen. Gibt es wirklich genügend spannende Studienangebote im Handwerk? Oder lassen wir diesen Bereich hauptsächlich von universitären Strukturen prägen, die mit der praktischen Umsetzung nur wenig Berührung haben?
In diesem Zusammenhang gibt es durchaus positive Beispiele, wie es gelingen kann um Theorie und Praxis zwischen Handwerk und Studium sinnvoll zu verbinden. Ein besonders gelungenes Modell ist der duale Bachelorstudiengang Energie- und Gebäudetechnik an der TH Köln. Dieses Studium kombiniert ein wissenschaftliches Hochschulstudium mit einer vollwertigen Ausbildung zum/zur Anlagenmechaniker*in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Innerhalb von neun Semestern erlangen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl den akademischen Grad als auch den Gesellenbrief – eine starke Kombination, die dem Handwerk wirklich zugutekommt. Solche Modelle eines dualen Studiums ist ein wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung und Fachkräftesicherung im Handwerk. Wir gewinnen junge Menschen, die nach fünf Jahren nicht nur umfassend ausgebildet sind, sondern direkt Verantwortung auf der Baustelle übernehmen können.
Es gibt ungefähr achtmal so viel Hochschulbesucher als Azubis
Fazit
Um den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu sichern, ist es essenziell, die handwerklichen Ausbildungszahlen mittel- bis langfristig zu steigern. Die vorliegenden Daten zeigen, dass das Handwerk trotz anhaltender Herausforderungen – insbesondere bei unbesetzten Ausbildungsplätzen – eine stabile Entwicklung bei den Neuverträgen verzeichnet. Die leichte Zunahme des Frauenanteils und die konstanten Ausbildungszahlen sind in diesem Zusammenhang sicherlich positive Signale. Dennoch bleibt es wichtig, weitere Maßnahmen zur Fachkräftesicherung zu ergreifen. Darüber hinaus muss dem gesellschaftlichen Bildungsirrtum entschieden entgegengewirkt werden. ZDH-Präsident, Jörg Dittrich, fordert dahingehend schon seit längerem eine Bildungswende. Wörtlich: „Wir müssen die berufliche Bildung stärker als in den vergangenen Jahrzehnten fördern und sie als gleichwertig zur akademischen anerkennen. Für eine erfolgreiche Transformation unserer Gesellschaft und Wirtschaft benötigen wir alle Qualifikationen sowie Talente. Es ist an der Zeit, die Bildungswende zu vollziehen und die Gleichwertigkeit der Bildungswege gesetzlich zu verankern. Eine verstärkte Förderung, Finanzierung, Sichtbarkeit und Wertschätzung der beruflichen Bildung sind notwendig, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und soziale wie wirtschaftliche Stabilität zu sichern.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
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