Der Umgang mit dem Smartphone gelingt in der Regel gut, beschränkt sich jedoch meist auf einen eingeschränkten Nutzungsbereich
Wir haben die Berufsschulen gefragt, wie sie die aktuelle Situation in der Ausbildung erleben. Die Rückmeldungen zeigen ein deutliches Bild: steigende Schülerzahlen, große Leistungsunterschiede, wachsende Wissenslücken und eine spürbar veränderte Motivation bei den Auszubildenden. Gleichzeitig stehen Lehrkräfte und Betriebe vor der Aufgabe, unter den Bedingungen des Fachkräftemangels Ausbildungsqualität und Praxisnähe aufrechtzuerhalten. Hier sind die zusammengefassten Antworten der Berufsschulen.
Frage: Wie hat sich das Niveau der Berufseinsteiger in den letzten Jahren verändert – kommen die Auszubildenden heute mit mehr Technikverständnis oder eher mit größeren Wissenslücken zu Ihnen?
Antwort: Viele Schülerinnen und Schüler kommen heute mit deutlich größeren Wissenslücken als früher. Besonders auffällig sind Defizite in Mathematik, etwa beim Dreisatz, beim Umstellen von Formeln, beim Rechnen mit Einheiten sowie im räumlichen Vorstellungsvermögen. Das Technikverständnis nimmt insgesamt ab; es ist zwar noch vorhanden, aber nur wenige bringen ein ausgeprägtes technisches Verständnis mit, was zunehmend die Ausnahme darstellt. Auch Allgemeinbildung sowie Kenntnisse aus dem MINT-Bereich sind geringer geworden. Selbst Schülerinnen und Schüler mit guten MINT-Noten vergessen nach schulischen Pausen einen großen Teil des Gelernten, was sie selbst mit einem Lernen nur für Prüfungen oder Leistungsnachweise begründen („Bulimielernen“). Zusätzlich werden geringere handwerkliche Fähigkeiten festgestellt, etwa im Umgang mit Werkzeugen, bei der Auswahl passender Schraubendreher oder Schlüsselweiten, beim Einschätzen der nötigen Festigkeit von Schraubverbindungen oder bei praktischen Einstellungen wie der Brennerflamme. Zwar gibt es weiterhin Einsteiger mit hohem Wissen und Verständnis, ihr Anteil wird jedoch als abnehmend wahrgenommen.
Wissenslücken und Leistungsgefälle
Frage: Welche Kompetenzen oder Grundlagen fehlen den Schülern Ihrer Meinung nach am häufigsten – eher theoretische Kenntnisse oder praktische Fähigkeiten?
Antwort:An der Schule zeigen sich vor allem fehlende theoretische Kenntnisse, insbesondere in den grundlegenden Schulkenntnissen der Mathematik und Physik, wodurch viele Schülerinnen und Schüler dem theoretischen Unterricht nur schwer folgen können. Auch die praktischen Kenntnisse sind insgesamt gering; viele Lernende halten Werkzeuge wie eine Abisolierzange zum ersten Mal in der Hand. In der Theorie tun sich die Schülerinnen und Schüler deutlich schwer, was sich unter anderem darin zeigt, dass das Niveau der Klassenarbeiten zunehmend abgesenkt werden muss. Praktische Fähigkeiten werden teilweise erst spät sichtbar, etwa in Abschlussprüfungen, und werden als stark abhängig von Übung und Motivation gesehen. Vielen Schülerinnen und Schülern fallen die praktischen Übungen leichter als der theoretische Teil.
Frage: Wie hat sich die Motivation der Auszubildenden in den letzten Jahren verändert? Spüren Sie Unterschiede zwischen den Generationen?
Antwort:Die Motivation der Auszubildenden ist insgesamt tendenziell gesunken und verändert sich seit mehreren Jahren. Eine starke Identifikation mit dem Ausbildungsberuf ist nur selten vorhanden; viele beginnen die Ausbildung, weil sie „irgendetwas machen“ wollen oder kurzfristig einen Ausbildungsplatz benötigen, oft ohne bewusste Berufswahl. Ein Teil der Lernenden bricht früh ab, meist nach den ersten Ausbildungsblöcken, andere erst nach der Teil I Abschlussprüfung, wenige auch noch später. Während einige im Verlauf der Ausbildung Motivation entwickeln und „Feuer fangen“, bleiben andere unmotiviert, sind früh überfordert und ziehen die Ausbildung ohne echte Perspektive lediglich durch, teils auf Druck des Umfelds. Häufig fehlt das innere „Brennen“ für den Beruf, und andere Dinge wie das Smartphone erscheinen wichtiger als die Inhalte des Unterrichts.
Frage: Welche Faktoren beeinflussen Ihrer Ansicht nach die Ausbildungsqualität am stärksten – der Betrieb, die Berufsschule oder die persönliche Einstellung der Schüler?
Antwort:Als entscheidender Faktor für die Ausbildungsqualität wird übereinstimmend die persönliche Einstellung der Auszubildenden gesehen. Unabhängig davon, wie gut oder schlecht Ausbildungsbetrieb oder Berufsschule wahrgenommen werden, bestimmen persönlicher Ehrgeiz, Interesse am Beruf sowie die Bereitschaft, sich selbst Wissen anzueignen und Unterstützung einzuholen, maßgeblich den Ausbildungserfolg. Eine engagierte Haltung führt häufig zu besserer Unterstützung durch Ausbilder, während fehlendes Interesse dazu führen kann, dass Auszubildende nur noch einfache oder notwendige Aufgaben erhalten. Die persönliche Einstellung wirkt sich zudem auf den Unterricht aus, da mit dem Wegfall unmotivierter Lernender weniger Störungen auftreten und die Unterrichtsqualität steigt. Der Ausbildungsbetrieb und die Berufsschule spielen ebenfalls eine Rolle, etwa durch die Qualität der betrieblichen Unterstützung, die Ausstattung, das eingesetzte Personal und den Stellenwert des Ausbildungsberufes, wobei insbesondere berufspraktische Erfahrung der Lehrkräfte in der Kältetechnik als wünschenswert angesehen wird. Letzeres sieht die reguläre Ausbildung der Berufsschullehrer allerding nicht vor.
Motivation als Schlüsselfaktor
Frage: Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten im schulischen Teil der Ausbildung zum Mechatroniker für Kältetechnik?
Antwort: In den Klassen zeigt sich eine große Inhomogenität, begleitet von sprachlichen sowie mathematischen Defiziten bei Auszubildenden mit und ohne Migrationshintergrund. Besonders große Schwierigkeiten treten in den ersten Ausbildungsjahren auf, vor allem im Bereich der Elektrotechnik. Diese sind nicht ausschließlich auf den Theorieunterricht zurückzuführen, sondern auch darauf, dass viele Betriebe den Auszubildenden den Umgang mit elektrischen Komponenten erst nach überbetrieblichen Lehrgängen erlauben. Zudem bestehen fehlende Grundlagen in Mathematik und Physik, was das Verständnis vieler Inhalte erschwert. Die Inhalte des Rahmenlehrplans sowie der IHK /HWK Prüfungen werden teilweise als über dem erforderlichen Niveau des ausgebildeten Mechatronikers in der Kältetechnik liegend oder als wenig praxisnah wahrgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die Spezialisierung der Ausbildungsbetriebe häufig praktische Anwendungsbezüge fehlen; ist ein Thema aus der Praxis bekannt, gelingt die Wissensvermittlung deutlich leichter und bleibt nachhaltiger im Gedächtnis der Auszubildenden.
Frage: Die Digitalisierung schreitet auch in der Kältetechnik voran. Wie hat sich dadurch Ihr Unterricht verändert – und sind die Schüler digital tatsächlich so fit, wie o angenommen wird?
Antwort:Die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Umgang mit dem Smartphone gelingt in der Regel gut, beschränkt sich jedoch meist auf einen eingeschränkten Nutzungsbereich wie soziale Medien, Spiele oder die Nutzung von ChatGPT; auch spezielle Fach Apps, etwa aus dem Kältebereich, sind häufig installiert. Systematisches, zielgerichtetes Recherchieren sowie das Formulieren sinnvoller Fragestellungen, insbesondere bei der Nutzung von KI, beherrschen jedoch nur wenige, sodass Ergebnisse oft unkritisch übernommen werden, ohne ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Grundlegende digitale Arbeitsprozesse, wie das Hochladen von Fotos, PDFs oder Ausarbeitungen, müssen regelmäßig geübt werden, da sie sonst wieder vergessen werden. Insgesamt zeigt sich eine große Spannweite: Während einige Auszubildende neue Systeme oder Software intuitiv bedienen, stoßen andere bereits bei der Einführung einfacher Anwendungen oder neuer Programme an ihre Grenzen.
Fachkräftemangel mit Folgen
Frage: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben: partnerschaftlich, ausbaufähig oder manchmal eher distanziert?
Antwort:Die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben wird insgesamt als sehr gut, offen und partnerschaftlich beschrieben. Schnelle und direkte Kontaktaufnahmen sind in der Regel jederzeit möglich, was die Kooperation erleichtert. Der regelmäßige Austausch, unter anderem über die Übermittlung von Noten und Anwesenheiten, unterstützt die Zusammenarbeit zusätzlich. Die Qualität der Kooperation hängt teilweise vom persönlichen Kontakt zwischen Lehrkräften und Betrieben ab. In einzelnen Fällen, insbesondere bei größeren Ausbildungsbetrieben oder Konzernen mit häufig wechselnden Zuständigkeiten, wird die Zusammenarbeit als distanzierter wahrgenommen. Insgesamt überwiegt jedoch eine sehr positive Bewertung, und problematische Fälle werden als selten beschrieben.
Frage: Der Fachkräftemangel drückt auf die Branche. Spüren Sie das auch in der Schule?
Antwort:Die Auswirkungen des Fachkräftemangels sind deutlich spürbar. Die Schülerzahlen erreichen ein historisch hohes Niveau, da Betriebe weitgehend alle verfügbaren Bewerber einstellen, auch wenn viele für den Ausbildungsberuf nicht ausreichend geeignet sind. Ohne den bestehenden Fachkräftemangel wären zahlreiche Auszubildende nicht eingestellt worden, da häufig die schulischen Voraussetzungen fehlen. Dies zeigt sich unter anderem in sehr hohen Durchfallquoten in Abschlussprüfungen von über 50 % sowie in erhöhten Abbruchquoten während der Ausbildung. Zusätzliche Herausforderungen entstehen durch Sprachschwierigkeiten einzelner Auszubildender, für die aufgrund organisatorischer Vorgaben meist keine begleitenden Sprachkurse angeboten werden können. Gleichzeitig führt der Mangel zu einer großen Nachsicht seitens der Betriebe, teilweise zu übertariflicher Vergütung und zu einer steigenden Zahl von Betriebswechseln während der Ausbildung, da Auszubildende bei Unzufriedenheit häufiger den Betrieb wechseln.
Praxis, Technik und neue Anforderungen
Frage: Beim Thema Nachhaltigkeit und alternative Kältemittel sind die Anforderungen im Wandel. Wie gut gelingt es, diese Inhalte aktuell und praxisnah in den Unterricht zu integrieren?
Antwort:Alternative beziehungsweise natürliche Kältemittel sind aufgrund ihrer sicherheitsrelevanten Eigenschaften wie Brennbarkeit, Explosivität und hoher Drücke fester Bestandteil des theoretischen Unterrichts. In der praktischen Ausbildung erfolgt die Vermittlung bislang überwiegend durch Vorführen und Demonstrieren durch die Lehrkräfte; die Schülerinnen und Schüler bauen oder befüllen im Praxisunterricht selbst noch keine Anlagen mit Propan, NH₃ oder CO₂. Natürliche Kältemittel werden im Unterricht behandelt, wobei es teilweise schwierig ist, einen praxisnahen Bezug herzustellen. Der Themenbereich wächst jedoch kontinuierlich, da insbesondere der Wärmepumpenmarkt und der Datacenter Bereich stark zunehmen und dort vermehrt natürliche Kältemittel wie R290 eingesetzt werden. Spätestens durch die Umstellung der Prüfungen auf R290 sowie die große Verbreitung von CO₂ sind natürliche Kältemittel auch in der schulischen Ausbildung fest verankert, während NH₃ eine geringere Rolle spielt. Nachhaltigkeit im engeren Sinne, etwa die Wiederverwendung von Bauteilen oder eine vorausschauende Materialplanung, wird in den Betrieben hingegen weniger thematisiert.
FAZIT
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Ausbildung heute von großen Leistungsunterschieden, zunehmenden Wissenslücken und einer sinkenden Motivation vieler Auszubildender geprägt ist. Fehlende Grundlagen in Mathematik, Physik und Technik, begrenzte Praxisnähe sowie der Fachkräftemangel führen dazu, dass häufig auch ungeeignete Bewerber eingestellt werden, was sich in hohen Abbruchund Durchfallquoten zeigt. Trotz meist guter Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben bleibt die persönliche Einstellung der Auszubildenden der entscheidende Faktor für den Ausbildungserfolg. Ich danke den Berufsschulen, die sich an dieser Umfrage beteiligt haben.
Wegen fehlender theoretischer Kenntnisse können viele Schülerinnen und Schüler dem theoretischen Unterricht nur schwer folgen.
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