An den Ausbildungsanlagen können verschiedenste Betriebsdaten gemessen werden. Das vermittelt ein Gefühl dafür, wie Anlagen in der echten Welt laufen.
An der Sächsischen Kältefachschule in Reichenbach wird nicht nur gelehrt, sondern gelebt. Schulleiter Thomas Krämer zeigt, wie moderne Kältetechnik praxisnah vermittelt wird – zwischen klassischer Verdichterkunde, CO₂-Lecks und Hightech-Trainern. Warum Theorie allein nicht reicht und was die „eierlegende Wollmilchsau“ mit Supermärkten zu tun hat, lesen Sie hier.
Man kann zwar viel in der Theorie erklären, aber Brenneranzünden lernt man eben nur durchs Brenneranzünden. Mit diesem Satz bringt Thomas Krämer, Schulleiter der Sächsischen Kältefachschule in Reichenbach im Vogtland, auf den Punkt, worauf es in der Ausbildung zum Kälteanlagenbauer ankommt: auf Praxis, Erfahrung und ein gutes Gefühl für Technik. In Reichenbach wird dieses Prinzip konsequent umgesetzt – mit modernen Kältetrainern, realitätsnahen Werkstätten, didaktisch ausgeklügelten Versuchsaufbauten und einer klaren Philosophie: Verstehen durch Tun.
Das Herzstück der Ausbildung ist das Kältelabor. Hier arbeiten die Schüler an sogenannten Kältetrainern. Das sind modulare Anlagen, die nahezu alle praxisrelevanten Konfigurationen abbilden können. Ob Heißgasabtauung, elektronische Einspritzventile oder frequenzgeregelte Verdichter: Die Auszubildenden erhalten konkrete Aufgabenstellungen, konfigurieren die Anlagen über Absperrhähne, verdrahten die Elektrik eigenständig und nehmen die Systeme schließlich in Betrieb. Dabei geht es nicht nur um Funktion, sondern auch um Intuition: „Man fühlt, ob die Anlage läuft. Wird’s kalt im Verdampfer? Reagieren die Regelorgane? Oder geht plötzlich das Licht aus, weil ein Fehler im Schaltkreis steckt?“ – auch das gehört zur Ausbildung dazu.
Vom Schaltplan zum Erfolgserlebnis
Ein wesentlicher Bestandteil des didaktischen Konzepts ist das eigenständige Arbeiten. Die Schüler entwickeln ihre Schaltpläne selbst, bauen diese dann an einem Steckmodulsystem auf, das reale Schaltschränke simuliert. Diese Methode spart Zeit und erlaubt es, viele Varianten durchzuspielen – ohne auf die wichtigsten Komponenten wie Schütze, Relais oder Schalter zu verzichten. „Am Ende muss die Anlage funktionieren – und das ist dann ein echtes Erfolgserlebnis für die Schüler“, betont Krämer.
Und genau dieses Erfolgserlebnis ist ein zentraler Motivationsfaktor. Sobald der erste Schüler seine Anlage erfolgreich in Betrieb nimmt, zieht das Kreise: „Dann werden die anderen wie die Guppys – plötzlich wollen alle ran, alle wollen ihre Anlage zum Laufen bringen.“ Der kollektive Ehrgeiz wird zum Motor des Lernens.
Zwischen Dreiphasenstrom und Datenfernübertragung
Die Anforderungen an die Auszubildenden sind heute wesentlich höher als noch vor wenigen Jahren. Die Kältebranche befindet sich im strukturellen Wandel. Neue Kältemittel, strengere Sicherheitsnormen, digitale Steuerungen und komplexe Anlagenkonzepte verlangen ein breites und tiefes Wissen. Gleichzeitig begegnen Techniker im Alltag noch immer traditionellen Anlagen – etwa einer alten Bierkühlung, die nur „klick-klack“ macht.
„Unsere Schüler müssen heute beides können: die alte Welt und die neue“, so Krämer. Und das bedeutet: Sie müssen sowohl mit klassischen Thermostaten als auch mit elektronischen Expansionsventilen umgehen können, sowohl mechanische Verdichter reparieren als auch datenbasierte Fernwartungssysteme verstehen. Ein Spagat, der nur gelingt, wenn die Ausbildung breit aufgestellt ist – und genau das ist in Reichenbach der Fall.
Brenneranzünden lernt man nur durchs Brenneranzünden.
Schrauben statt nur schauen: die Verdichterwerkstatt
In der Verdichterwerkstatt wird geschraubt. Und das im besten Sinne. Die Schüler zerlegen reale Verdichter – vom Rollkolben- bis zum Hubkolbenverdichter – und lernen dabei Aufbau, Funktion und typische Verschleißmechanismen kennen. Dabei geht es nicht nur darum, welche Bauarten es gibt oder für welche Kältemittel sie geeignet sind. „Es geht ums Begreifen mit allen Sinnen“, erklärt Krämer. „Nur wer mal selbst eine Steuerplatte gewechselt oder die Ölpumpe demontiert hat, versteht, was im Inneren passiert.“
Auch wenn in der Praxis defekte Verdichter heute oft ersetzt statt repariert werden – dieses Verständnis ist entscheidend für die Fehlerdiagnose. Denn draußen beim Kunden steht der Techniker in der Regel allein. Niemand, den man um Rat fragen kann. Wer dann nicht weiß, was im Inneren eines Verdichters vor sich geht, steht schnell auf verlorenem Posten.
CO₂, Propan und die Zukunft der Kälte
Ein zentrales Thema der Ausbildung sind die natürlichen Kältemittel. In der CO₂-Werkstatt der Schule wird dieses Zukunftsfeld intensiv behandelt – unter anderem im überbetrieblichen KK5-Kurs. An sechs identischen Anlagen arbeiten die Schüler in Zweierteams und simulieren alle praxisrelevanten Szenarien mit CO₂ und Propan. Die zentrale Anlage – von Krämer augenzwinkernd „eierlegende Wollmilchsau“ genannt – bildet sämtliche Systeme ab, die man in modernen Supermärkten findet: transkritische und subkritische Betriebsweisen, Normalkühlung, Tiefkühlung, Kaskade mit CO₂ und Propan, Mitteldruckregelung – bis hin zur klassischen Bierkühlung.
Zwar existieren solche All-in-One-Anlagen in der Praxis selten, doch für die Ausbildung sind sie Gold wert. Die Schüler lernen hier, wie man Anlagen programmiert, einregelt, befüllt, misst und die Ergebnisse protokolliert. Ein echter Rundumschlag, der praxisnäher kaum sein könnte.
Unsere Schüler müssen die alte Welt genauso beherrschen wie die neue.
Sicherheit sichtbar machen
Ein weiterer didaktischer Höhepunkt ist der CO₂-Leckageversuch. Hier wird mithilfe von Rauch sichtbar gemacht, wie CO₂ – schwerer als Luft – in einem geschlossenen Raum (etwa einem Maschinenraum im Keller) zu Boden sinkt und Sauerstoff verdrängt. „Man sieht es nicht, man riecht es nicht – und wenn man Pech hat, fällt man einfach um“, erklärt Krämer eindringlich. Die Botschaft ist klar: Sicherheitsvorschriften sind kein Beiwerk, sondern lebenswichtig. Gaswarngeräte, Schutzausrüstung, korrektes Verhalten in Maschinenräumen – das alles wird hier nicht nur gelehrt, sondern erlebt.
Physik zum Anfassen: Kritischer Punkt und Ölmanagement
Auch komplexe physikalische Zusammenhänge werden in Reichenbach greifbar gemacht. So etwa der kritische Punkt von CO₂ bei 31 °C. Wird dieser überschritten – etwa im Hochsommer – lässt sich das Kältemittel nicht mehr verflüssigen. Ein reales Problem, das in der Ausbildung experimentell dargestellt wird. Mit einem einfachen Versuch wird gezeigt, wie sich der Aggregatzustand verändert und welche Auswirkungen das auf die Anlagenkonzeption hat. Die Lösung: transkritische Systeme mit angepasster Steuerung.
Kleine Modelle, große Wirkung
Ein weiteres anschauliches Beispiel ist der Plexiglasverdichter. Dieses transparente Modell zeigt eindrucksvoll, wie viel Öl beim Start aus dem Verdichter austritt – und wie wichtig ein funktionierendes Ölmanagementsystem ist. „Ohne Öl-Sumpfheizung oder Abpumptschaltung kann ein Verdichter schnell trockenlaufen – und das bedeutet Totalschaden“, erklärt Krämer. Auch hier gilt: Kleine Modelle, große Wirkung.
Alles für die Praxis
In Reichenbach wird Ausbildung nicht verstanden als Aneinanderreihung von Unterrichtseinheiten, sondern als durchgängiges, praxisorientiertes Erlebnis. Die Schüler arbeiten in Kleingruppen – maximal 16 pro Klasse – und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Jeder Handgriff hat Konsequenzen. Jeder Fehler ist eine Chance zum Lernen. Und jeder Erfolg motiviert.
Die Schule steht dabei nicht allein. Ohne die enge Zusammenarbeit mit Herstellern, die Komponenten zur Verfügung stellen und ihr Know-how teilen, wäre dieses Niveau nicht möglich. „Wir sind dankbar für die Unterstützung“, sagt Krämer. „Nur gemeinsam können wir unsere Auszubildenden auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.“
Fazit
Die Ausbildung an der Sächsischen Kältefachschule in Reichenbach ist ein Musterbeispiel für praxisnahe, zukunftsorientierte Lehre im Handwerk. Mit einem starken Fokus auf praktisches Arbeiten, modernster Technik, realitätsnahen Anlagen und einem hohen didaktischen Anspruch setzt die Schule Maßstäbe. Sie zeigt eindrucksvoll: Ausbildung ist mehr als Theorie – sie ist Erleben, Verstehen und Können. Und genau das macht aus Berufsschülern die Kältemeister von morgen.
Bild: KältenKlub
Der anschauliche Versuch simuliert, wie CO2 einen raum von unten her füllen kann. Gerade in einem Maschinenkeller ist das gefährlich.
Bild: KältenKlub
Das Ejektor-Prinzip lässt sich hier am Modell mit Wasser als Medium gut erklären.
Bild: KältenKlub
In dieses Glas wurde zur Demonstration Propan „eingeschüttet“
Bild: KältenKlub
Die transparente Ventilplatte zeigt, wieviel Öl so ein Verdichter tatsächlich in den Kreislauf wirft.
Bild: KältenKlub
CO2 im transkritischen Zustand.
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